24. Postscriptum electronicum

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Wie Enkelin und Grossmutter: Sonu (oder ists Monu?) und ich, beide mit Statement-Bracelets aus Holz im trendigen Blockfarben-Streifenlook, die wir uns als Andenken an einen netten Abend im „Café del mar“ im mobilen Souvenirlädeli von Meena gekauft haben

 

Durch die zähe Hochnebeldecke über Zürich fallen drei herzerwärmende Sonnenstrahlen in Form von E-Mails mit angehängten Bilddateien in meinen erfolgreich zurückeroberten Alltag: Eines ist von Monu und Sonu (oder heissen sie Sonu und Monu?) aus dem nordindischen Jaipur, eines von Ravi Kumar aus den Nilgiri Hills und eines von Xavier Silveira aus Stuttgart.

– Monu und Sonu, beide um die zwanzig, lernten wir eines Abends kurz vor Weihnachten im „Café del mar“ kennen. Die beiden waren auf ihrer Hochzeitsreise, und Monu (oder heisst er Sonu, und sie ist Monu?) machte sich einen Spass daraus, seiner frisch Angetrauten die vermutlich ersten und letzten alkoholischen Drinks ihres Lebens zu offerieren. Es wurde ein überaus heiterer Abend, an dem wir von dem Pärchen kurzerhand adoptiert wurden. Im Mail zum Bild schreiben die beiden: „Our loving father and mommy, we both miss u too much and pray to God for your good health. we wish next year u come Jaipur. take care. love u.“ Es gibt da einen Plan für die Zeit nach meiner Pensionierung. Und zwar wollen wir dann einmal Ganesh und Renuka in Nepal besuchen, die sich in zwei, drei Jahren aus dem Arbeitsleben zurückziehen wollen – in ihr neu gebautes Häuschen in Pokhara mit atemberaubendem Blick auf die weissen Riesen des Himalaya. Da liegt ja dann Jaipur, sagen wir mal von Mumbai aus, quasi auf dem Weg.
Ravi Kumar schickt uns Erinnerungsbilder via Dropbox: Auf einem davon sieht man seinen Sohn Rajat und sein herziges Enkelkind Aarav, das im Garten des Aakriti Eco Homestay auf der indischen Variante einer Hollywoodschaukel sitzt. Auf einem anderen geniessen Arno und ich das Thali-Dinner in der guten Stube der Kumars, und ich frage mich, ob wir jetzt wohl auf immer und ewig in einer fernen Wolke über dem World Wide Web herumhängen? Wo der liebe Gott der Digital Natives alles sehen kann? Oder sind die Fotos gar nicht mehr dort, wenn ich sie zu mir herunterlade? Im Mail mit dem Dropbox-Hinweis gibt sich Ravi optimistisch: „No doubt we shall meet again very soon. At our home, in Goa or maybe back in your lovely Zurich. Till then stay happy, healthy and safe.”
– Und ja – einmal „Prinz“, immer „Prinz“: Unser alter Freund Xavier schickt uns nicht etwa Bilder von der Hochzeit seines Bruders oder von sich selbst oder von seiner Familie, sondern drei Nahaufnahmen von einem papierenen Siegelring, der einmal an seinem rechten Zeigfinger, einmal an seinem linken kleinen Finger und einmal auf einem Stuttgarter Balkon im Schnee steckt. Dazu schreibt er genau zwei Sätze: „Hello Arno, here are some photos of 1 dollar ring you gave me long back and I still have. Maybe in the future I will need it but till now it is there with me. Love, Xavier.”

Da fällt mir gerade auf, dass Xaviers Mail nur an Arno gerichtet ist – obwohl doch ich es war, die vor über zwei Jahrzehnten aus einer Dollarnote diesen Ring faltete und ihn Xavier im „Dolphin“-Shack zum Abschied schenkte. Aber in Indien flogen halt schon immer alle auf Arno, in jungen Jahren noch viel mehr als heute – weil er die Menschen dort an einen ihrer berühmtesten Landsmänner erinnert, an den hoch verehrten Schauspieler Kabir Bedi, den EuropäerInnen meiner Generation noch bestens als verwegenen Freiheitskämpfer in der italienischen TV-Serie „Sandokan – Der Tiger von Malaysia“ (1976) kennen.

Aber darüber kann ich hier nicht auch noch blöglen, denn meinen Februar-Gastauftritt auf „Rollkoffer, Reisepass & Rigutto“ habe ich längst überzogen. Deshalb mache ich es jetzt kurz und sage den Online-Redaktorinnen von annabelle ein herzliches „Shukriya“ für ihre viele Arbeit mit einer digitalen Analphabetin. In diesem Sinne und auf gut Indisch-Englisch: Okebä!

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Ravi Kumars Sohn Rajat mit Söhnchen Aarav auf der Bollywoodschaukel

 

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1993 war sein kleiner Finger noch dünner – und der Dollar mehr wert als heute. Dass Xavier mein Trinkgeld bis jetzt aufbewahrt hat, rührt mich zutiefst

 

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Mein Kabir Bedi: Arno (hier beim Spazieren in Puducherry). Die einzige Rolle, die er je vor Publikum spielte: Als junger Statist im Stadttheater St. Gallen sollte er einst auf einem Steckenpferd in einer geordneten Reitertruppe über die Bühne traben. Da packte ihn in der Premiere urplötzlich die Lust, sein Kartonrössli durchbrennen zu lassen – das muss der „Tiger von Malaysia“ in ihm gewesen sein

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

23. Time To Say Goodbye

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Just married: Jeson und Valentina mit Gratulantinnen und Kameramann vor der St.-Alex-Kirche in Calangute

Die letzten Ferientage in Goa wollen gut geplant sein, denn man muss da einiges aneinander vorbeibringen: Letzte Termine bei Ayurveda-Masseur Binu, Yakwolldecken und etwas Silberschmuck auf dem Tibet Market in Calangute einkaufen, eine Einladung zur Falooda-Degustation (ein Glacegetränk mit Rosensirup) bei Nasu und ihrer Mutter Illa, eine letzte Pedicure bei Meena. Und natürlich die letzten Abendessen: Einmal Barbecue bei Greg Fernandes im „Café del mar“, einmal Crevetten-Biryani bei Gregs Bruder Luis im Nachbarshack „Simon’s Place“ (für einen Bootstrip mit dem „Captain“ reicht die Zeit ja ohnehin nicht mehr), einmal Sonntagsbraten mit Kartoffelstock bei Tante Lourdes im „Vilo Villa“ – und ganz sicher noch einmal eine deftige tibetische Nudelsuppe bei unserem guten alten Freund Ganesh Shrestha im „Sea Shore“ gleich bei der Busstation unter dem Banyan-Baum in Calangute.

A propos alte Freunde: Cruz Silveira vom Guesthouse beim weiter nördlich gelegenen „Dolphin“-Shack werden wir aus Zeitgründen erst im nächsten Winter wiedersehen. Glauben wir zumindest – bis er an unserem drittletzten Tag unvermittelt im „Café del mar“ auftaucht. Er habe sich schon gedacht, dass er uns hier finde, lacht er und drückt uns einen weissen Umschlag in die Hand. Es ist eine Einladung für den nächsten Tag – zur Hochzeit seines jüngeren Bruders Jeson. Auch Xavier (sein älterer Bruder, den wir stets den „Prinz“ nannten) werde da sein.

Das wird eng, den Abend haben wir bereits Ganesh versprochen. Aber die Hochzeitsmesse am Nachmittag lässt sich einrichten, an siestalose Tage muss ich mich ohnehin langsam wieder gewöhnen. Und Xavier müssen wir doch einfach sehen (obwohl das in der Schweiz eigentlich viel einfacher wäre: Der „Prinz“ lebt mit seiner deutschen Frau und seinen beiden Söhnen in Stuttgart).

Xavier, Cruz und Jeson Silveira, Greg Fernandes und Ganesh Shreshta in ein- und demselben Blog-Eintrag – da schliesst sich für Arno und mich ein Kreis, der seinen Anfang im tiefsten blogfreien Mittelalter nahm:

1993 reisten wir erstmals zusammen nach Goa. Unser damaliger Lieblingsshack, in meiner trügerischen Erinnerung noch weitherum der einzige südlich von Calangute, war das „Dolphin“ – ziemlich hippiemässig geführt von einem durch und durch liebenswürdigen, langhaarigen Beachboy namens Xavier. Dessen kleiner Bruder hiess Cruz und war, weil er gut rechnen und schreiben konnte, der Oberkellner. Als Hilfskellner war ein schlaksiger Junge aus der Nachbarschaft angestellt, ein gewisser Greg, den aber alle nur bei seinem Spitznamen „Munga“ riefen. In der einfachsten aller Küchen dieser Welt kochte ein mittelloser nepalesischer Gastarbeiter namens Ganesh einfache Gerichte wie Palak Paneer (Spinat mit indischem Frischkäse) oder Aloo Gobi (Kartoffeln mit Blumenkohl). Und manchmal kam ein kleiner Bubi zum Spielen und Mit-den-Hunden-Rumtollen in den Shack, das war Jeson.

Weil jenes Zeitalter natürlich auch noch handy-, e-mail- und erst recht facebookfrei war, brach der Kontakt nach den Ferien logischerweise gleich wieder ab. Bis es uns zehn Jahre später nostalgiehalber erneut nach Goa zog und wir im damals neu gebauten „Empire Beach Resort“ Einzug hielten, wo der nächstgelegene Beachshack – genau – das „Café del mar“ war. Wenn es unter den rund 36‘000 Hindu-Gottheiten eine gibt, die für die Wiederbelebung eingeschlafener Freundschaften zuständig ist, dann hat sie das wirklich schön eingefädelt.

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Cruz arbeitete viele Jahre auf Kreuzfahrtschiffen und tourte so rund um die Welt. Heute besitzt er ein Guesthouse in Calangute

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Begrüssungsgesten alter und in Ehren ergrauter Freunde: Xavier „Prinz“ Silveira und Arno nach der kirchlichen Trauung von Xaviers Bruder Jeson

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Ein bisschen wie Vater und Sohn: Arno und Ganesh. Der einstige „Dolphin“-Koch führt seit über zehn Jahren zusammen mit seiner Frau Renuka ein eigenes Restaurant, das „Sea Shore“ in Calangute

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Dank ein paar Brocken Hindi meinerseits und rudimentären Englischkenntnissen ihrerseits verstehen wir uns prächtig: Renuka und ich in der „Sea Shore“-Küche. Zu Renukas Küchenutensilien gehören Messer und Sparschäler aus der Schweiz, und auch eine handbetriebene Nudelteigmaschine von Globus tut seit vielen Jahren zuverlässig ihren Dienst

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Mein Geheimtipp auf der Speisekarte des „Sea Shore“: Etwas Feines aus dem tibetischen Suppentopf. Oder auch Egg Plant Rolls, gefüllte Auberginenröllchen – die gibt es nämlich sonst in ganz Goa nirgends. Was ich noch nie bestellt habe und ganz sicher auch nie bestellen werde: Baby Shark!

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Einer von „Paulos Söhnen“ ist Luis, Bootsbesitzer und Shack-Wirt im „Simon’s Place“ – und ein ausgezeichneter Koch. Sein Biryani (ein traditionelles Reisgericht, göttlich gewürzt und mit Füllung nach Wunsch) mag ich am liebsten mit Crevetten

 

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22. Das ging in die Unterhose

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Man kann es nicht oft genug sagen: Ingrebidel !ndia. In den Kleidern baden gehen? Und dafür in den Unterhosen am Strand rumstehen? In Goa ist alles möglich – obwohl der Beach-Dresscode jüngst wieder heftig zu diskutieren gab. Im vergangenen Sommer forderte Goas Public-Works-Minister Sudin Dhavalikar, man solle für alle Strände des Bundesstaats aus Gründen der Züchtigkeit ein Bikiniverbot erlassen. Das brachte die Goanerinnen und Goaner reihenweise auf die Palme. Verständlich, denn Goa lebt seit den Hippiezeiten der späten Sechzigerjahre von und mit den Touris.

Jetzt, da die Touristensaison einfach nicht auf Touren kommen will (Rubelkrise, teure Visa-Gebühren, gestrichene Charterflüge), geht die Debatte in den Leserbriefspalten der Lokalzeitungen und natürlich auch in den Beachshacks in eine neue Runde: Minister Dhavalikar habe alles verbockt, seine Forderung sei total daneben, das habe sich bestimmt in der ganzen Welt herumgesprochen, da müsse man sich ja nicht wundern, dass die ausländischen Touristen (die mit dem Geld) wegblieben. Und überhaupt: Es sei viel klüger, für die indischen Gäste eine Badehosenpflicht statt für die ausländischen ein Bikiniverbot einzuführen, das sei nämlich schlicht eine Zumutung fürs Auge, diese klatschnassen und meist total ausgeleierten Unterhosen an mehr oder weniger attraktiven Männerhintern. Was die Schweizer Medien betrifft, so kann ich meine goanischen Freunde beruhigen: Der Aufruhr um Dhavalikars Forderung war keiner Zeitung auch nur eine Zeile wert.

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Urinet? Zuviel Internet im Kopf! Ernsthaft: Infrastrukturell müsste Goa dringend aufrüsten. Zum Beispiel mit zumutbaren öffentlichen Toiletten. Viele Gäste aus den indischen Grossstädten können oder wollen sich in Goa kein Hotelzimmer leisten, sondern schlafen in ihren Autos. Das hat ziemlich unangenehme Folgen für die Sauberkeit in den Strassen

 

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21. Wenn eine eine Reise tut

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Es ist ein Unterschied, ob man nach einem ganzen Schweizer Arbeitsjahr oder von einem Kurztrip durch Südindien nach Goa zurückkommt. Das Interesse an der fernen und für die allermeisten Inder ohnehin unerreichbaren Schweiz hält sich – auf deutsch gesagt – in engen Grenzen, die Fragen unserer goanischen Freunde beschränken sich meist auf „Cold is there?“, „Now snow?“ und vielleicht noch Dinge wie „How much you pay for pedicure in Switzerland?“.

Bei Südindien aber können alle mitreden, manche waren selbst schon mal in Bengaluru, haben den Palast von Mysore oder den gigantischen Tempel von Srirangam besucht. Sofort entsteht ein angeregtes Geplauder, man lobt den guten Zustand der Strassen in Tamil Nadu, vergleicht die tiefen goanischen Bierpreise mit den hohen in Karnataka, redet über Infrastruktur, Politik und Korruption in den verschiedenen Bundesstaaten, fragt nach Zimmerpreisen und will vor allem wissen, ob wir denn nun den Tiger gesehen hätten. „Not seen? Oooh…“

Doch auch ohne Tiger wollen alle die Fotos anschauen, die ich unterwegs gemacht habe – was mich natürlich mit einem gewissen Stolz erfüllt. Einige fingerlen sogar ungeniert auf dem Display meines iPads herum, und so schnalle ich ganz nebenbei, dass man ja auf diese Weise Details heranzoomen und quasi auf dem Bild umherwandern kann. Tja, man lernt doch immer wieder etwas dazu.

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Ab in den Beachshack „Café del mar“ zum Sundowner, allen von unserer Reise erzählen – und noch einmal so richtig gepflegt abhängen, bevor es in die terminbeladene Ferienschlussphase geht

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Stillleben mit Fenipic und fesselndem Reisebegleiter: Mein Nachttischli im Empire Beach Resort. Der Roman „Sea of Poppies“ aus der Ibis-Trilogie des indischen Autors Amitav Ghosh ist bald ausgelesen. Er ist meine einzige Ferienlektüre. Ja, so langsam und so wenig lese ich!

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20. Fahrer Vijay im Glück

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Frühmorgens vor unserem Rückflug nach Goa geschehen in der Lobby des „Radisson Blu“ in Mamallapuram wundersame Dinge: Als wir planmässig kurz vor sieben zur Schlüsselabgabe an die Reception kommen, sehen wir da in einer kleinen Gruppe von Männern unseren Driver Vijay stehen, der doch bis anhin bei jedem Hotel draussen beim Wagen auf uns gewartet hat. Wir bleiben mitten in der Halle wie angewurzelt stehen, denn in diesem Augenblick wirft sich Vijay mit gefalteten Händen zu Boden und berührt mit seiner Stirn die Füsse eines grossgewachsenen, grauhaarigen, weiss gewandeten Mannes, der sich sogleich niederbeugt und für einen Moment seine Hand auf Vijays Wuschelkopf legt.

Das Ganze dauert nur Sekunden, in denen ich allerdings vor Neugier schier platze. Was ist da gerade passiert? Wer ist der Mann? Ein heiliger Sadhu? Ein berühmter Filmstar? Sein Chef? Und was macht er mit unserem Chauffeur?

„Chief Minister was“, flüstert uns Vijay strahlend zu, während der Mann mit seinen Begleitern in Richtung Frühstücksraum entschwindet, „Chief Minister of Puducherry. He given blessings to me.“ Schon tags zuvor hatte er uns von diesem Politiker vorgeschwärmt, der – anders als die meisten anderen Politgrössen – ein echter Mann des Volkes sei: „Not too many bodyguards around him. In Puducherry you can see him driving on bike, just like simple people.” Tatsächlich gilt Regierungschef Rangasamy als sehr volksnah. Der Rechtsanwalt, der einer niederen Kaste entstammt und der hier im „Radisson Blu“ wohl zu einem Businessbreakfast verabredet ist, wurde unter anderem deshalb so populär, weil er an den Schulen von Puducherry das kostenlose Zmorge für die Kinder einführte.

Der Segen des Chief Ministers hat für Vijay auch eine überaus praktische Folge: Er hat jetzt die Telefonnummer von Rangasamys Privatchauffeur in seinem Handy gespeichert. Das kann vielleicht mal helfen, denke ich schweizerisch pragmatisch, denn auch auf der nächsten Tour durch Südindien wird er hin und wieder einem Polizisten eine kleine Note rüberschieben müssen, und sei es auch nur, um zügiger durch eine Strassensperre zu kommen oder das Auto da und dort solange stehen lassen zu können, bis seine „Customers“ ihr Teelein ausgetrunken und die Zigarette fertiggeraucht haben. Ach, wie werden wir sie vermissen, diese Teepausen in the middle of nowhere … und ihn erst, unseren Vijay!

Beim Abschied am Flughafen von Chennai frage ich ihn, ob ich ihn umarmen dürfe. Ich darf.
PS: Man bekommt mit der Zeit ein Auge für diese alltäglichen Schmiergeldzahlungen, bei denen es meist um Beträge von plusminus einem Franken geht. Um zu verhindern, dass Vijays tägliche Spesenpauschale von 250 Rupien (etwa 4 Fr.) womöglich unseretwegen als Schmiergeld draufgeht, erhöhen wir sein Trinkgeld von Beginn weg auf 500 Rupien pro Tag (in den Reiseunterlagen empfohlen: 200 bis 300 Rupien)

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Da wünscht uns einer einen guten Rückflug nach Goa: Garuda-Figur auf einer Mauer in Mamallapuram. Das schlangentötende Reittier des Gottes Vishnu – halb Menschengestalt, halb Adler – soll einst aus einem Ei geschlüpft sein, das der Himmel gelegt hatte

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19. Steine zum Staunen

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Wenn dieser Findling auf seiner abschüssigen Unterlage bloss nicht ins Rollen kommt! Wie riesig er ist, sieht man am winzigen Hund auf seiner linken Seite und am winzigen Mann, der sich rechts in seinem Schatten ausruht. Der Felsbrocken ist natürlich aus Granit, für die Menschen hier ist er aber „Krishnas Butterball“, zusammengepappt aus all der Butter, die der indische Liebesgott Lord Krishna als junger Lausebengel bei allen möglichen Hirtenmädchen zusammenklaute. Das müssen sehr viele Hirtenmädchen gewesen sein: Ein Versuch der Behörden des Bundesstaats Tamil Nadu, den Stein aus Sicherheitsgründen zu versetzen, ist gescheitert, der Butterball liess sich keinen Millimeter bewegen.

Neben diesem Naturmonument lockt das ca. 60 Kilometer südlich von Chennai gelegene Städtchen Mamallapuram (auch Mahabalipuram genannt) vor allem mit beeindruckenden Zeugnissen uralter Steinmetzkunst. So kann man zwischen den „Pancha Ratha“ herumkraxeln, fünf monolithischen Tempeln aus dem 7. Jahrhundert, die offenbar gar nie als solche genutzt wurden, sondern einzig und allein als architektonische Spielwiese für die Baumeister des damaligen Herrschers Narasimhavarman I. dienten. Man muss aber unbedingt auch den „Shore Temple“ bewundern. Er liegt direkt am Strand und hat den Tsunami von 2004 nur deshalb unbeschadet überstanden, weil ihn die 1984 ermordete indische Premierministerin Indira Gandhi einst mit Wellenbrechern im Meer vor der Erosion schützen liess.

Meine Favoriten unter Mamallapurams Sehenswürdigkeiten sind indes die Flachreliefs an dem Felsrücken, der auch Krishnas Butterball in der Schwebe hält. So exotisch die in Stein gehauenen Szenerien aus der Hindu-Götterwelt, so natur- und lebensnah sind die Tierdarstellungen auf diesen Kunstwerken. Zum Beispiel die Kuh auf dem Relief im Krischna-Höhlentempel: Wie sie liebevoll ihr Kälblein ableckt, während sie gemolken wird! Und wie ihr Melker so ernsthaft dreinschaut! Und wie die Kuh einen runden Rücken macht und den Schwanz hebt, weil sie gleich einen Fladen platzieren wird – das kommt mir aus meiner Hirtenmädchenkindheit im Wallis doch alles sehr bekannt vor.

- Übernachten: Radisson Blu Resort, 57 Covelong Road, Mamallapuram; www.radissonblu.com/hotel-mamallapuram

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Beseelte Steinhauerkunst: Kuh, Kalb und Melker im Krishna-Höhlentempel

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Insgesamt gut 10 Meter hoch und über 30 Meter breit: Das Felsenrelief „Herabkunft der Ganga“ aus dem 7. Jahrhundert. Es zeigt, wie einst alle möglichen Wesen herbeiströmten, um zu sehen, wie der Gott Shiva (hier in der Felsspalte dargestellt) den personifizierten Fluss Ganges bändigte, indem er ihn durch sein Haar fliessen liess

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TouristInnen-Magnet: Der „Shore Temple“ mit einem Shiva- und einem Vishnu-Schrein

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Tummelfeld für Stilversuche frühmittelalterlicher Architekten: Die monolithischen „Pancha Ratha“

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Zwei Tage zuvor in Chidambaram: Arno (mit Mr. Small, unserem dortigen Guide) war nicht vollkommen unglücklich, dass der Nataraja-Tempel (im Hintergrund sieht man den Eingang) dummerweise leider gerade nicht geöffnet war. Die Männer auf dem Bambus-Baugerüst treffen Vorbereitungen für ein Tempelfest

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Tempelfreie Zone: „Genug alte Steine besichtigt“, findet Arno (in der Bildmitte) und nimmt im Pool des Hotels Radisson Blu in Mamallapuram ein Abendschwümmchen. Mir ist das definitiv zu kalt. Um ehrlich zu sein: Wasser ist sowieso überhaupt nicht mein Element

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18. Desperately Seeking Ashtray

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Nach unendlich langen, meist selbstauferlegten Rauchpausen in der Wildnis, im Familienkreis oder in aschenbecherlosen Grossstädten erwartet uns das ehemals französische Unionsterritorium Puducherry (das bis 2006 noch Pondicherry hiess) mit einer kleinen Offenbarung: Auf den Tischen in der Gartenbar des Hotels The Promenade finden wir doch tatsächlich … Aschenbecher! Ein ganz und gar neuartiges Luxusgefühl, für eine Zigi nicht raus auf die Strasse zu müssen. Und eine seelische Erleichterung obendrauf, weil Rauchen in der Öffentlichkeit, also zum Beispiel auf Strassen, in ganz Indien theoretisch verboten ist. In diesem Zusammenhang kann ich auch gleich beichten, dass ein Teil des Litterings entlang unserer bisherigen Reiseroute von mir verursacht ist.

Am Vorabend, in der Industriestadt Trichy am Kaveri River, bin ich allerdings sauber geblieben. Dort gab es nämlich auch schon einen Aschenbecher (vielleicht der einzige in der ganzen Stadt), und der hing an einer Säule vor dem Eingang zum Hotel Sangam, wo wir übernachteten. Wir könnten in unserem Zimmer selbstverständlich rauchen, hatte man uns an der Reception gesagt – aber wie sollte das gehen, so ohne Aschenbecher und mit Fenstern, die sich nicht öffnen lassen? Also standen wir immer mal wieder draussen um diese Säule herum. Das ist allerdings viel weniger langweilig, als es tönt, kann man doch nirgendwo sonst so gut beobachten, wer da ein- und ausgeht, welche Fahrer die Limousinen und SUVs ihrer Herrschaften gleich beim Eingang parkieren dürfen und welche von den Wächtern in die hinteren Ränge verwiesen werden. Wir sahen ältere Ladys in schweren, bestickten Seidensaris aussteigen, oder auch gewichtige Herren im Nehru-Look mit Smartphones am Ohr, denen junge Personal Assistants die Aktentaschen nachtrugen, sowie vereinzelte westliche und chinesische Businessmen in dunklen Anzügen. Auch ein europäisches Paar in unserem Alter kam an, beide in Khakigrün, der Sprache nach Schotten oder Iren, vom Aussehen her entweder Hobby-Ornithologen oder Missionare. Deren Fahrer musste zum Beispiel ganz hinten parkieren. Wie unser Vijay übrigens auch. Woran man erkennen kann, dass die wirtschaftlichen Prioritäten in Trichy wohl kaum auf dem Tourismus liegen.

In Puducherry ist das etwas anders, da reisen ziemlich viele Westler hin. Ihr Ziel ist der Ashram von Sri Aurobindo und „Mother“ Mirra Alfassa im alten French Quarter im Zentrum der Stadt. Auch wir statten dem Stadtpalais, in dem der Yogi und seine spirituelle Partnerin einst wohnten, einen Besuch ab. Allerdings fühlen wir uns dabei nicht gerade wie die Vögel im Hanf: Diese heilige Ambiance, diese entrückten Meditierenden am über und über mit Blumen geschmückten Grabmal im Innenhof, dieses tiefe Schweigen … Lieber spazieren wir mit unserem Fahrer Vijay durch die Altstadt, wo die Strassen Namen wie Rue de la Marine, Dumas oder Mahe de Labourdonnais haben. Auf der Uferstrasse Goubert Avenue gilt von abends um sechs bis zum Morgen ein absolutes Park- und Fahrverbot, damit die Menschen nach Herzenslust flanieren, powerwalken oder auf der Quaimauer Zuckerwatte schlecken können.

- Übernachten in Trichy: Hotel Sangam, Collector’s Office Road; sangamhotels.com/trichy
– Übernachten in Puducherry: Hotel The Promenade, Goubert Avenue; www.thepromenadepondicherry.com
– Ashram: www.sriaurobindoashram.org

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Der muss sofort mit zwei Mojitos gefeiert werden: Aschenbecher in Pondicherry

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Vive la France: Verkehrspolizist mit Kepi. Im Hintergrund das Hotel The Promenade

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Vergängliches Mahnmal zur Erinnerung an den Tsunami von 2004, der auf der Strandpromenade von Puducherry 25 Menschen tötete. Der schützende Uferdamm hat Schlimmeres verhindert – weiter nördlich in der Tamil-Nadu-Hauptstadt Stadt Chennai forderte die Katastrophe über 200 Todesopfer, insgesamt waren es in Indien über 16‘000 Tote und Vermisste

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Die Grande Nation markiert an bester Lage: Das französische Konsulat an der Rue de la Marine

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Abends wird die Goubert Avenue zur Fussgängerzone – ein Weckruf für die Souvenirverkäufer

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17. Nilgiri Queen macht Dampf

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Das sieht man, wenn man sich im hintersten Abteil des Nilgiri Mountain Train aus dem Fenster lehnt: halsbrecherische Viadukte, russgeschwärzte Tunnels, unzählige Kehren, Dschungel und nochmals Dschungel, Schluchten, Wasserfälle und extrem stotzige Hänge, an denen da und dort kleine Dörfer kleben. Und ganz vorne, in Rauchschwaden gehüllt, die Dampflok Nilgiri Queen. Von Coonoor hinunter nach Mettupalayam sind in dreieinhalb Stunden gemütlicher Fahrzeit rund 1500 Höhenmeter zu überwinden, ein bahnromantisches Highlight der Extraklasse, das seit zehn Jahren den Status eines Unesco-Welterbes hat.

Der Zug ist bis auf den letzten Platz gefüllt. In unserem Abteil sitzen ausser uns und einem Honeymoon-Pärchen aus Delhi ausschliesslich Frauen, es ist ziemlich eng, so dass Körperkontakt auf den hölzernen Sitzbänklein unvermeidlich ist. Die einen fächeln sich Luft zu, weil es zu heiss ist, die anderen ziehen sich den Sarischleier übers Gesicht, weil es zu fest zieht, die Fenster werden mal hochgeschoben, mal runtergezogen – ein Gewusel, in dem einzig das Büebli vis-à-vis von mir auf dem Schoss seiner Mutter zutiefst selig vor sich hinschlummert.

Als Tochter eines heute 94-jährigen ehemaligen Bähnlers, der den Führerstand von Dampfloks noch von innen kennt, bin ich natürlich Feuer und Flamme für das rauchige Schienenabenteuer in den Nilgiri Hills. Und so mache ich mich am Bahnhof von Hillgrove – wo der Zug einen längeren Zwischenhalt macht, damit die Passagiere mal können, falls sie müssen – sogleich an den Stationsvorstand heran und erzähle ihm vom „Chileli von Wassen“. Davon hat der Mann zwar noch nie gehört, von der Schweizer Ingenieurskunst dagegen schon. „Switzerland very good“, sagt er und deutet auf die dampfende Lok: „Look, Swiss engine is there.“ Tatsächlich ist die über 60-jährige Nilgiri Queen, so finde ich später im Internet heraus, ein Fabrikat der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur. Die Zahnradbahn selbst wurde in den 1890er-Jahren vom Schweizer Eisenbahnpionier Niklaus Riggenbach gebaut, dem wir zum Beispiel die Vitznau-Rigi-Bahn verdanken.

Nach etwa einer halben Stunde zuckelt der Zug weiter. Aus dem Fenster schauen kann ich jetzt nur noch bedingt, denn das Büebli vis-à-vis ist inzwischen hellwach und hat mich zum Spielen ausersehen. Das Spiel heisst „Okebä“ (mit Betonung auf dem O) und geht so: Man brabbelt sich wechselweise etwas in die eigene Hand, und wenn eines von beiden „Okebä“ sagt, wird gelacht, und das Spiel kann von vorne beginnen. Wir sind schon fast unten im Flachland, als ich endlich kapiere: Auch dieser Knirps ist ein Digital Native, und er spielt mit mir „Fiktives Telefonieren mit dem Smartphone“. „Okebä“ muss englisch sein und „Okay, bye“ bedeuten. Das sagt in Indien jeder und jede am Ende eines Gesprächs, auch die Mutter des Kleinen, die in diesem Moment ihr Handy im Faltenwurf ihres Saris versorgt.

– Diverse Filme von Fahrten mit der Nilgiri Mountain Railway gibts auf Youtube zu sehen.

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Die Dampflokomotive Nilgiri Queen, made in Switzerland

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Vor der Abfahrt: Ganz hinten wird noch der Bremser zusteigen

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Am Stadtrand von Coonoor: Alle anhalten, hier kommt der Nachmittagszug!

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Was man unterwegs so sieht: Dörfchen und unendlich viel Grün

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Zwischenhalt in Hillgrove: Alle zücken Handys und Digicams

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Der Stationsvorstand von Hillgrove hat gerade zum ersten Mal vom „Chileli von Wassen“ gehört

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Die einen sind auf der Durchreise, die andern (die kleinen Haarigen) wohnen hier

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Das Depot in Mettupalayam, vor dem die Nilgiri Queen abends den letzten Dampf ablässt

 

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

16. Gruppenbild mit Digital Native

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Man beachte, wie gut mein Leinentop aus dem Schneideratelier von Parvesh zum Haus der Kumars passt

Der Kleine auf Grossvater Ravi Kumars Arm ist Aarav, der jüngste Spross unserer Gastgeberfamilie im Aakriti Eco Homestay in den Nilgiri Hills. Er ist zweijährig und ein Wonneproppen, der mein Herz im Sturm erobert hat – und der in der digitalen Welt schon jetzt heimischer ist, als ich es je sein werde: „Apple!“, ruft er begeistert aus, als ich für ein paar Fotos das iPad anwerfe. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er damit nicht das auf dem Display erscheinende Firmenlogo meint, den angebissenen Apfel, sondern eben das, was dahinter steckt.

Die Jain-Familie Kumar gehört zur gebildeten indischen Oberschicht. Ravis Frau Renu ist die Tochter des einstigen Edelsteinministers von Rajasthan und die Nichte jenes Mannes, der 1968 den „Jaipur Foot“ erfand, eine Beinprothese aus Holz und Gummi, die im Gegensatz zu den Rolls-Royce-Modellen aus Europa in der Herstellung revolutionär günstig war und für armutsbetroffene Länder wie Indien noch heute ein echter Segen ist. Rajat, der Sohn des Ehepaars Kumar (der uns hier gerade fotografiert), hat in New York Betriebswirtschaft und Informatik studiert und arbeitete zum Beispiel beim Bau des Mega-Wolkenkratzers Burj Khalifa in Dubai als Buchhalter mit. Tochter Rupa und Schwiegersohn Lalith (beide nicht auf dem Bild) lernten sich an der internationalen Swiss Hotel Management School in Montreux kennen und sind heute Teilhaber der familieneigenen Individualreiseagentur ExplorIndya. Und Rajats Frau Mugdha, aufgewachsen in Goa, ist Augenärztin und Chirurgin in einer Klinik in Ooty, dem urbanen Zentrum der Nilgiri Hills. Ravi Kumar selbst ist Architekt, zur Schule ging er einst in Genf, wo sein Vater Diplomat am indischen Generalkonsulat war.

Das alles erfahren wir in anregenden, abendfüllenden Gesprächen am Familientisch, während wir zum Beispiel ein von Renu zubereitetes Thali essen, eine köstliche vegetarische Komposition aus lauter regionalen Produkten. Was wir sonst noch erfahren: Dass der Jainismus im Grunde keine Religion sei, sondern eine Philosophie, die ihre Anhänger verpflichtet, für all ihre Handlungen selbst die Verantwortung zu übernehmen, statt sich hinter irgendwelchen höheren Mächten zu verschlaufen. Und dass die Briten nicht allzuviele Gründe haben, auf ihre koloniale Vergangenheit in Indien stolz zu sein. Und dass im wilden Garten des Aakriti Eco Homestay nachts, aber erst wenn alle Menschen schlafen, manchmal ein Leopard aus dem nahen Dschungel vorbeikomme, der bei den Nachbarn schon mal einen jungen Hund getötet habe. Und dass es in dieser Höhe, auf über 2000 Metern, keine giftigen Tiere mehr gebe, dass ich also vor der handtellergrossen Spinne in unserem Bungalow keine Angst haben müsse, die sei ein Nützling und würde sich ohnehin sofort absetzen, wenn sie die Erschütterung meiner Schritte spüre.

Trotzdem schaue ich natürlich vorsichtig unter die Decke, bevor ich mich nachts ins Bett lege. „Glaub es jetzt einfach“, redet mir Arno gut zu, „spider is friend!“ Ääh … wie war das doch gleich mit dem Gecko?

- Aakriti Eco Homestay: www.ecohomestay.com
– ExplorIndya: www.explorindya.com

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Vor lauter reden essen nicht vergessen! Arno und ich (mit Rajats und Mugdhas Söhnchen Aarav auf dem Schoss und – logo – in einem Leinentop von Parvesh) beim Thali-Dinner im Aakriti Eco Homestay

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Unser Häuschen am Rand des Dschungels, entworfen von Ravi Kumar persönlich. Die Wärme, die es tagsüber durch die in dieser Höhe extreme Sonneneinstrahlung speichert, erspart die Heizung

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Da lässt es sich wohnen! Der prachtvolle Parkettboden aus Altholz ist mir eine Detailaufnahme wert

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Nachts auch mal Tummelplatz für den Leoparden: Unser exotischer Garten

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Spider is friend: Der achtbeinige Saubermann im Bad

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

 

15. Die grünen blauen Berge

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„Nila“ bedeutet blau, „giri“ heisst Hügel. Wir sind in den Nilgiri Hills auf über 2200 m ü.M. Blaue Flecken sind jedoch höchstens am Himmel zu sehen, die Landschaft mit ihren Urwäldern und Teeplantagen dagegen ist grün wie Irland auf Drogen. Ziemlich verstörend, dass die Bäume hier oben in den Himmel zu wachsen scheinen, während die höchste Waldgrenze der Schweiz (im Walliser Turtmanntal) bei 2100 Meter liegt.

36 Haarnadelkurven sind es bis hinauf nach Ooty und Coonoor, den beiden Hauptorten der Nilgiri Hills im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Kein Schleck für unseren Fahrer Vijay, denn der Verkehr auf dieser zweispurigen Bergstrasse ist mörderisch: Rücksichtslose Busfahrer zuhauf, schwer beladene Lastwagen, die Tee hinab- und Waren aller Art hinauftransportieren, und dazu der ganze Privatverkehr, in dem sich ohnehin niemand an die Verkehrsregeln hält. Doch nicht nur für diesen Effort bekommt Vijay an diesem Nachmittag ein besonders saftiges Trinkgeld: Am Bahnhof von Coonoor holen uns unsere Gastgeber vom „Aakriti Eco Homestay“ ab, und Vijay werden wir erst am übernächsten Morgen wiedersehen. Für ihn ist in Ooty für die zwei Nächte unseres Aufenthalts ein Zimmer in einem Fahrerhotel reserviert, denn in dieser Höhe ist es definitiv zu kalt, um im Auto zu übernachten. Die Temperaturen können im Winter leicht auf null Grad sinken, was scheints dem Tee – Hauptexportgut der Nilgiri Hills – einen besonderen Kick gebe, so dass Kenner ehrfürchtig vom „Nilgiri frost tea“ sprechen.

Kenner wie Vater und Sohn Ravi und Rajat Kumar. Auf einer kleinen Expedition in die Teegärten erklären sie uns, was Orange Pekoe ist, warum die Kronen der Schattenbäume in den Plantagen regelmässig gelichtet werden müssen, was der Qualitätsunterschied zwischen einem „Full leaf tea“ und dem „Staub“ in einem hundskommunen Teebeutel ist, dass Teepflanzen eigentlich Bonsaibäume sind, manche von ihnen an die hundert Jahre alt, und dass man einen wirklich guten Schwarztee nur ungefähr zwei Minuten lang ziehen lassen sollte, weil sonst die Tannine ausschiessen und all die kostbaren Geschmacksnoten plattmachen. Fast schäme ich mich, dass ich bisher zuhause immer erst dann Tee (aus dem Beutel) trank, wenn ich mich schon sehr krank fühlte.

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Arno hört aufmerksam zu, während Rajat uns eine kleine Lektion in angewandter Teekunde erteilt

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Ravi weiss alles über die Teepflanze: Geerntet werden nur die oberste Blattknospe und die zwei jüngsten Blättchen

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Wie ein dickfloriger grüner Teppich: Teeplantage in den Nilgiri Hills mit Schattenbäumen, die immer wieder gestutzt werden müssen, damit sie genau die vorgesehene Menge Schatten spenden

 

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)