Seele hinter Stacheldraht

Von Stefanie Rigutto, 6. Mai 2012

Fussball, mhm, eigentlich nicht so mein Ding. Doch wer die Seele von Buenos Aires verstehen will, so sagte man mir, müsse sich einen Match der Boca Juniors anschauen, am besten im Heimstadion La Bombonera. Bueeeno! Also treffen wir Andres, einen eingefleischten Boca-Fan, 30 Jahre alt, behaart wie ein Bär. Er besorgt Tickets. Und begleitet uns an den Match. «Fussball ist Leidenschaft», sagt er und schlägt sich auf die Brust. Andres‘ Begeisterung für Maradona ist gross, aber nicht mehr so unendlich wie auch schon. «Er hat sich lange nicht mehr in der Bombonera blicken lassen», sagt er düster.

Der Match findet im Stadion des Gegners statt: Racing Club. Nur 5000 hartgesottene Boca-Fans – sie sind die Gewalttätigsten von ganz Südamerika – werden ins Stadion gelassen, in einen separaten Bereich, der mit Stacheldraht abgeriegelt ist. Sie nennen sich «La 12», den zwölften Spieler. Eine hochkriminelle Truppe, ihr Chef sitzt derzeit im Knast. Schon eine Stunde vor Anpfiff verwünschen sie die Racing-Fans, ziehen das gelb-blaue Banner hoch: «Nunca hicimos amistades.» Wir haben nie Freundschaften geschlossen.

Zwischen der Tribüne und dem Feld liegt ein tiefer Wassergraben; die Mannschaften spielen auf einer Insel. Uns interessiert nicht das Ergebnis, es sind vor allem die Boca-Fans, die jede Muttenzer Kurve zur Lachnummer degradieren. Die Gesänge sind so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. «Boca Juniors, querido», Geliebte, du bist die Grösste, beschwören sie ihre Mannschaft, begleitet von Trompeten und Trommlen. Ein richtiger Karneval!

Drei Stunden lang rezitieren die Boca-Fans ihre Mantras, hüpfen im Takt, die Tribüne wippt mit. Kurz nach der Pause fällt das erste (und letzte) Goal für den CABJ – Club Atlético Boca Juniors, wie es offiziell heisst. «La 12» befällt das Fieber, sie schreien den Sieg in den Nachthimmel. «Boca Juniors, querido!» Andres will mitsingen – doch seine Worte sind nur ein Flüstern. Wir sitzen zwischen Racing-Fans.

Dieser Beitrag erschien am 6.5.2012 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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