Rigutto rennt

Von Stefanie Rigutto, 7. Oktober 2012

Wir kamen etwas gar knapp am Flughafen in Los Angeles an. Etwa 55 Minuten vor Abflug. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von «fast verschlafen» über «unerwartet viel Verkehr» bis «Mietwagenstation nicht mehr gefunden». Eingecheckt sind wir auch noch nicht. Ay, caramba! Und die Schlange vor den Check-in-Schaltern ist lang. Sehr lang – sie zieht sich durch die ganze Halle.  Guten Morgen, Panikattacke!

Verzweifelt wenden wir uns an eine Flughafen-Angestellte. Sie bekommt ob unserer Flugzeit grosse Augen und hält uns erst einmal eine Standpauke: «Ihr könnt nicht so spät zum Flughafen kommen! Seid ihr eigentlich verrückt!» Ich nicke zerknirscht, mache ein schuldbewusstes Gesicht, und meine Freundin – Tränen in den Augen – schluchzt: «We’re soooo sorry, M’am! Please, help us!» Die Angestellte erbarmt sich unser und sagt: «Allright, follow me!» Sie bugsiert uns – unter den verärgerten Blicken der Wartenden – an die Spitze der Schlange. Wies Bisiwetter checkt uns ihre Kollegin ein, macht nicht einmal mehr ein Kreisli um die Gate-Nummer und ruft: «Now run! RUN!» Rennt!

Also rennen wir. Wir rennen durch die Passkontrolle, durch den X-Ray, durch all die hunderttausend Gänge. Überall wedeln wir verzweifelt mit der Bordkarte und rufen: «Unser Flug geht in einer Viertelstunde!» Wir rennen zum Gate, wo uns eine Dame schon von weitem winkt: «Beeilt euch», ruft sie uns zu. Wir schmeissen die Bordkarte hin und spurten durch den Finger zum Flugzeug. «Lola rennt» ist Pipifax gegen uns.

Kaum im Flugzeug, schliesst die Flight Attendant die Tür. Ich werfe mich auf Sitz 18A, völlig ausser Atem, der Kopf schwirrt. Jeeeh, wir habens geschafft, jubeln wir. Vor lauter Abklatschen hören wir fast die Durchsage nicht: Wegen des heftigen Gewitters, das derzeit über den Flughafen ziehe, könne man vorerst nicht starten, sagt der Pilot.

Wir warten. Drei Stunden.

Dieser Beitrag erschien am 8.10.2012 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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