Im Paradies der Schamhaare

Von Stefanie Rigutto, 3. März 2013

Mit Airbnb.com – dem Online-Vermittler von Privatunterkünften – habe ich bislang nur die tollsten Erfahrungen gemacht. In Berlin schliefen wir im Atelier eines Künstlers, in New York teilte ich die Wohnung mit Emily und ihrer Katze, in Belize vermieteten uns Colin und Linda eine süsse Cabana direkt am Meer, und in Mailand war ich in einem liebevoll eingerichteten Appartement direkt an der Shoppingmeile. Kurz: Ich bin ein absoluter Airbnb-Fan!

Doch wie heisst es: Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch ich erlebte schon diese Ausnahme. In Shanghai. Für eine Reportage hatte ich ein Appartement gebucht in der Nähe der Fumin Road, einer hübschen Strasse mit vielen Lokalen. Die Wohnung lag im 30. Stock eines Hochhauses – die Aussicht auf die glitzernde Stadt war bombastisch. Das war aber auch das einzig Bombastische: Die Wohnung war völlig kahl und nur mit dem Allernötigsten eingerichtet . Es war klar: Pierre, der Vermieter, wohnte gar nicht hier. Der Franzose bestätigte, dass er die Wohnung als Investition gekauft hatte und sie eigentlich längst mit Gewinn hatte verhökern wollen. Doch der Markt bietet derzeit zu wenig – und so wartet er auf bessere Tage und vermietet das Appartement auf Airbnb.

Na ja, mit Kargheit kann ich leben. Aber nicht mit dieser Dreckstoilette! Ich hatte schon lange nicht mehr ein so versautes Bad gesehen. Es war schlicht nicht geputzt. Ich hätte vielleicht noch ein Auge zugedrückt, es waren ja nur zwei Nächte – aber bestimmt nicht für 95 Dollar pro Nacht. Darum SMS an Pierre: «Die Wohnung ist dreckig.» – Er: «Was meinst du damit?» – Ich: «Das Badezimmer ist ein einziges Schamhaar-Paradies.» – Er: «Hey, das ist China!» – Ich: «Und? Schick die Putzfrau hoch!» – Er: «Sie ist gegangen. Ich lass mir was einfallen.»

Wenig später stand Pierre vor der Tür. Zusammen mit dem Portier des Hauses. Sie schauten sich das Bad an und machten «oooh» bei jedem Schamhaar, das ich ihnen zeigte. Ich: «Pierre, ist es dreckig?» – Er: «Oui. Die Putzfrau hat geschlampt.» – Ich: «Wahrscheinlich bezahlst du sie zu schlecht.» – Er: «Gut möglich.» – Ich: «Und der Portier muss das jetzt ausbügeln?» Pierre zuckte mit den Schultern, verzog das Gesicht zu einem süffisanten Grinsen und sagte mit seinem französischen Akzent: «What cän I do?» Mhm, lass mich überlegen, Pierre … ah, jetzt kommts mir in den Sinn: selber putzen, connard!

Dieser Beitrag erschien am 3.3.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

Kommentare