Kategorie Giftklasse 1

Von Stefanie Rigutto, 5. Mai 2013

Als ich das erste Mal in Las Palmas auf Gran Canaria war, servierte der Kellner zum eiskalten San Miguel ein Schälchen mit kleinen süssen Kartöffelchen, die mit einer roten Sauce beträufelt waren (Knoblauch-Chili, wie ich später erfahren sollte). Papas arrugadas, runzlige Kartoffeln, heissen sie. Ich griff zu und schwebte sofort im Gourmethimmel. Diese deftige Mischung aus warmen Kartoffeln und pikanter Sauce – BIG LOVE! Ich war felsenfest überzeugt, dass ich mich für den Rest des Lebens nur noch von Papas arrugadas ernähren würde.

Erst im Hotelzimmer bemerkte ich den strengen Geschmack im Mund. Ay, caramba! Beim nächsten San Miguel schaute ich mir die Übeltäter skeptisch an, gab ihnen aber nochmals eine Chance. Doch beim dritten Mal war die Liebe definitiv verflogen: Der Kellner musste die runzligen Dinger wieder abräumen – allein der Geruch drehte mir den Magen um. Es ist ein Phänomen, das ich schon oft auf Reisen beobachtet habe. Anfänglich ist man entflammt für ein fremdes Gericht, doch die Euphorie klingt so schnell ab, wie sie gekommen ist. Eine Ferienaffäre halt – kurz und heftig.

Denselben Effekt habe ich auch schon in Tokio erlebt. Dort war ich total begeistert von Kaiseki, der Krönung japanischer Kochkunst. Allein die Detailversessenheit, mit der das Mahl serviert wurde, entzückte mich über alle Massen! Oder – bleiben wir in Japan – das Salatdressing, das nach Sojasauce, Reiswein und Sesamöl schmeckt und auch richtig gut schmeckt, allerdings nur bis zum dritten Bissen. Oder erst der Hummus in Tel Aviv! Ich schleckte fast den Teller leer – bis sich die Blähungen meldeten. Kategorie Giftklasse 1.

In diese Kategorie gehört auch das Tsatsiki in Griechenland. Hai, was habe ich voller Freude zugegriffen, das warme Brot in diesen tollen Joghurt-Gurken-Knoblauch-Dip getunkt. Ich habe mich tagelang nur von Tsatsiki ernährt – bis selbst ein Einheimischer, mit dem ich sprach, einen Schritt zurückwich. Er sagte: «Du stinkst aus dem Mund wie eine richtige Griechin.» Ich nahm es als Kompliment.

Dieser Beitrag erschien am 5.5.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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