Wärme auf 10’000 Metern

Von Stefanie Rigutto, 2. Juni 2013

Kürzlich flog ich nach Indien. Ich liebe ja die Inder. Gerade weil sie mich manchmal so richtig nerven. Reibung erzeugt Wärme. Und nirgends werde ich so warm für die Inder wie in der Economy auf 10’000 Meter über Meer. Kaum war nach dem Start das Anschnallzeichen erloschen, erhob sich die Hälfte der Leute und lief zur Toilette (zugegeben, ich auch). Eine alte Inderin drückte mit ihrem voluminösen Hintern alle Wartenden aus dem Weg und stellte sich an den Kopf der Reihe. Niemand sagte etwas. Ich auch nicht. Dann klopfte die Inderin energisch an die Toilettentür. Es war dringend.

Ich habe noch selten erlebt, dass die Leute so lang die Toilette besetzen wie auf einem Indienflug. Die Sitzung der fülligen Inderin dauerte eine geschlagene Viertelstunde. Doch als ich endlich dran war, musste zuerst noch ein Baby gewickelt werden, und dann kam auch noch ein Mädchen, das erbrechen musste. Kurz vor der Landung ging ich ein zweites Mal auf die Toilette (ich wollte nicht, aber jetzt war es auch bei mir dringend). Als ich die Tür öffnete, rief die Flight Attendant: «Warten Sie! Lassen Sie mich zuerst das WC putzen.» Ich schaute rein: Der Boden war übersät mit WC-Papier, Windeln und Abfall. Eine richtig schöne Schweinerei.

Frage an die Flight Attendant: «Welches ist der anstrengendste Flug?» Sie: «Mhm, ja, schon die  Indienflüge», lächelte sie und wirkte erschöpft. Anstrengend, sagte sie, seien auch die Flüge nach Tel Aviv. Vor allem, weil es dort immer ein Chaos gebe mit der Essensverteilung. Viele wollten ein koscheres Menü, hätten es aber nicht im Voraus bestellt, sodass es nicht genügend an Bord hat.

Und welches, wollte ich wissen, ist die angenehmste Destination? Die Flight Attendant musste keine Sekunde überlegen: «Tokio», antwortete sie. «Kein einziges Papierfetzchen am Boden, die Decken schön zusammengefaltet.» Die Leute seien unglaublich höflich, und auch im WC sehe es fast so sauber aus wie vorher. Und am Schluss, wenn die Passagiere das Flugzeug verlassen würden, verbeugten sie sich auch noch. «Hach», seufzte sie, «wenn es nur immer so wär», und lief mit den dreckigen Windeln in der Hand davon.

Dieser Beitrag erschien am 2.6.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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