Bagnino müsste man sein!

Von Stefanie Rigutto, 25. August 2013

Salve! Ich stehe immer noch vor der Kaffeemaschine in Follonica und werde mit Sonderwünschen gequält. Paula etwa will den Cappuccino immer mit lauwarmer, ungeschäumter Milch. (Frage an meinen Chef: „Ist das überhaupt noch ein Cappuccino?“ Er: „Eigentlich nicht, aber wir nennen ihn trotzdem so.“) Immerhin, von meinem Platz hinter dem Tresen überblicke ich das Meer. Und – die Bademeister. Nico, zum Beispiel. 21 Jahre alt, durchtrainiert wie Usain Bolt, leidenschaftlich wie ein junger Stier, das Gesicht rot-braun wie ein Tandoori Chicken. Unter den Shorts trägt er knallenge Höschen in den Italien-Farben. Milch schäumen in einer Strandbar – so wird mir plötzlich klar – hat auch ein paar Vorteile!

Noch toller wäre nur, selber Bademeisterin zu sein. Ich meine, Nico macht den ganzen Tag nichts, als lässig unter dem Sonnenschirm zu sitzen und die Damen am Strand zu unterhalten. Die 75-Jährige, die seit einem Unfall ein Korsett unter der Badehose trägt, schaut ebenso bei ihm vorbei wie die 16-jährigen Zwillinge in ihren knappen Neon-Bikinis. Mit dem Bademeister wollen alle flirten. Ab und zu gibts einen Kontrollbesuch von seiner Freundin, meist gefolgt von ein paar saftigen Eifersuchtsszenen. Wenn Nico seine Ruhe haben will, setzt er sich ins lottrige Salvataggio-Türmchen und blickt pseudomässig auf die Badenden, während er Kommentare auf Facebook schreibt. What a life!

Immer mal wieder schaut er bei uns an der Bar vorbei, trinkt einen caffè (kurz und im Glas) oder holt Eis wegen eines Vespenstichs. Ins Wasser rennen habe ich ihn noch nie gesehen – in Follonica ist es bis weit nach draussen knietief. Langweilig? Ma certo! Aber das Leben des Bademeisters spielt sich auch nicht am Tag ab – sondern in der Nacht. Dann streift er durch die Clubs. Seine erste Frage, als er die Schweizerin mit den blonden Locken an der Bar entdeckt: „Kommst du heute Abend tanzen?“ Die zweite: „Gibst du mir deine Nummer?“ So macht man das als Bademeister.

Einzig an meiner Bräune, so findet auch er, müsse ich noch arbeiten. Er sagt, ich hätte die Farbe eines Cappuccinos – „aber mit sehr wenig Kaffee“.

Dieser Beitrag erschien am 25.8.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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