Der Mythos Backpacker

Von Stefanie Rigutto, 10. November 2013

Manchmal denke ich: Ach, ich möchte mal wieder nur mit dem Rucksack verreisen. Als Backpacker. Aber dann erinnere ich mich, wie es jeweils war in den Hostels – und die Nostalgie ist gleich wieder weg. Man lernt als Backpacker zwar viele Leute kennen, aber die Gespräche drehen sich immer ums Gleiche: Woher kommst du? Wohin gehst du? Wie lange bist du schon hier? Warst du auch in diesem Lokal? Nicht? Oh, da hast du aber was verpasst. Nächstes Mal musst du unbedingt blablabla…

So richtige Backpacker, die Lifeseeing statt Sightseeing betreiben, findet man nicht mehr. Die meisten bewegen sich genau so in einem touristischen Kokon wie die belächelten All-inclusive-Reisenden. Bezeichnend war für mich die Fahrt in einem (teuren) Minibus in Laos. Er war vollgestopft mit Backpackern – Rastas, Gitarren, zerfledderte Rucksäcke. Alle hatten die Kopfhörer eingestöpselt und dösten ihren Rausch aus. Keiner schaute aus dem Fenster. Es hätte auch den regulären (langsamen) Überlandbus gegeben – eine backpackerfreie Zone.

Neben mir sass Dorian, ein Franzose. Frisch gebügeltes Leinenhemd, aber die Einstellung eines Backpackers, der seit einem Jahrzehnt unterwegs ist: Er liess sich einfach treiben. Jedenfalls fragte er vor der Grenze zu Kambodscha: «Sag mal, braucht man da ein Visum?» – «Äh, ja…!» – «Oh là là, was kostet es?» – «27 Dollar», rief der Busfahrer dazwischen. Dorian, beruhigt: «Zum Glück habe ich noch 15 000 laotische Kip dabei.» Der Fahrer: «Bist du blöd? Das sind nicht einmal 2 Dollar!»

Ich lieh ihm das Geld, und Dorian schwor, es mir in Siem Reap zurückzugeben. Backpacker-Ehrenwort! Tatsächlich stand er tags darauf in der Hotellobby und überreichte ein Bündel Noten. Ein paar Wochen später schrieb er mir auf Facebook, er habe in Thailand auch einem verzweifelten Backpacker Geld geliehen, «just like you did with me», weil ihn diese Geste so beeindruckt habe. Ich will ihm gerade virtuell auf die Schultern klopfen, da lese ich: «Merde, die 150 Dollar habe ich nie mehr gesehen!»

Dieser Beitrag erschien am 10.11.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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