Ach du dicke Rippe!

Von Stefanie Rigutto, 22. Dezember 2013

Brasilien? Grosse Liebe! Ich komme gerade zurück von einer dreiwöchigen Reise. Was bleibt? Ich habe noch nie ein Land erlebt, das so entspannt mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen umgeht. Ich war im Dschungel, auf Inseln, in Millionenstädten und in Dörfern am Meer – überall begegnete ich Menschen, die fröhlich ein paar Speckröllchen mit sich herumtrugen. Das T-Shirt der Männer spannte über dem Wohlstandsbäuchlein, die saftigen Schenkel der Frauen steckten in Hotpants (ohne Verrenkungen kam da keine rein). Klar, an den Stränden von Rio de Janeiro sieht man Muskelpakete und Modelmasse. Aber im Rest des Landes kam ich mir mit meinem «knochigen Hintern» (Zitat eines Paulistanos, danke für das Kompliment) richtig runtergehungert vor.

Bei uns – so liest man – fotografieren junge Frauen neuerdings ihren Sixpack oder ihren «Thigh Gap», die Lücke zwischen den Oberschenkeln, und stellen die Bilder auf Facebook. An der brasilianischen Frau dagegen ist alles weich, warm, sinnlich. Weiblich. Ältere Damen posieren am Strand, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während der üppige Hintern im sanften Licht der untergehenden Sonne glänzt. Sie sagen nicht: «Warte, Schatz, ich ziehe kurz den Bauch ein.» Sie sagen: «Warte, Schatz, ich ziehe kurz das T-Shirt aus.» Darunter tragen sie einen Bikini, der den Namen längst nicht mehr verdient. Er enthält prinzipiell nicht mehr Stoff als die Unterwäsche von Agent Provocateur. Also praktisch keinen. Ich kam mir mit meinem Windelverschnitt so keusch vor wie eine Ordensschwester.

Und die Männer? Die sind völlig entzückt über den Anblick ihrer knusprigen Frauen: «Du bist die Schönste! Lass mich dich gleich hier vernaschen», rufen sie. Und es stimmt, sie sind es wirklich: wunderschön. Weil sie sich wohl fühlen in ihrem Körper, weil sie beneidenswert zufrieden sind mit ihren Kilos, weil sie sich selber schön finden. Mhm – eine Scheibe von dieser Entspanntheit würde uns Europäerinnen guttun.

Dieser Beitrag erschien am 22.12.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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