Surfen in der Waschmaschine

Von Stefanie Rigutto, 12. Januar 2014

Sie fallen mir jeweils schon am Flughafen auf: die Surfer mit ihrem Übergepäck. Ehrlich gesagt, ich habe die Faszination nie verstanden. Ich meine, die meiste Zeit sitzt man ja nur im Wasser und wartet auf die richtige Welle. Langweilig! Warum sind trotzdem alle so verrückt nach Wellenreiten? Ich wollte es wissen und habe in Sydney einen Anfängerkurs besucht.

Mein Lehrer heisst Will, 20 Jahre alt, Sonnen gegerbte Haut. Er macht ein paar Trockenübungen auf dem Brett vor: Chicken-Position mit angewinkelten Armen, Kobra machen wie im Yoga, Liegestütz-Position, dann einen Fuss aufstellen, zweiten Fuss aufstellen – surfen! «Ganz einfach», resümiert Will. Es scheint mir wirklich nicht so kompliziert. Will zeigt noch schnell, wo die berühmte «Backpacker Strömung» liegt: dort, wo es keine Wellen gibt. Weil das Wasser so schön ruhig ist, springen immer wieder besoffene Reisende hinein, die es dann aufs Meer hinaustreibt. Das sei nicht so lustig, meint Will. Auch wegen der Haie. Mit diesen Worten schickt er mich in die Wellen. Doch zuerst muss man diese einmal überwinden, bevor man sie reiten kann! Der erste Liter Salzwasser ist schnell geschluckt.

Endlich liege ich auf dem Brett, Will positioniert die Spitze in Richtung Strand und brüllt: «Paddeln!» Ich rudere mit den Armen wie eine Irre. Kobra, Liegestütz, erster Fuss, zweiter Fuss – ich stehe! Für eine Sekunde. Der zweite Liter Salzwasser brennt im Rachen wie ein zehnjähriger Tequila. Unter Wasser werde ich wie in einer Waschmaschine herumgewirbelt und schlage mir am Boden die Knie auf. Als ich nach Luft schnappe, rammt mich ein anderer Surfer. Will möchte das (einsekündige) Erfolgserlebnis 
feiern: «High five», ruft er und klatscht ab. «Are you having fun?» Ich könnte ihn erwürgen.

Nach nicht mal einer Stunde falle ich völlig erschöpft auf den Strand. Surfer ernten künftig nur noch die respektvollsten Blicke von mir. Ich bleibe an Land. Mir ist das Wasser einfach zu feucht.

Dieser Beitrag erschien am 22.12.2013 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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