So doof wie alle anderen

Von Stefanie Rigutto, 2. Februar 2014

Ich habe Leute erlebt, die am Flughafen ohne Koffer nach Hause gegangen sind – sie vergassen ihn ganz einfach. Ich habe Leute gesehen, die am Gepäckband standen und behaupteten, der letzte verbliebene Koffer sei nicht ihrer – erst als eine Angestellte die Baggage Tags verglich, erinnerten sie sich, welche Farbe ihr Koffer hatte. Und natürlich kenne ich auch Leute, die den falschen Koffer mit nach Hause nahmen. Eine Menge Leute. Vor allem zu jener Zeit, als jeder zweite Schweizer mit einem braunen Kappa-Koffer reiste, den er mit den Coop-Superpunkten gekauft hatte. Was habe ich über sie gespottet! Und jetzt bin ich – die Vielreisende – also selber so doof.

Es passierte in Salvador, Brasilien. Aber halt, ich muss ausholen – die Geschichte beginnt schon zwei Jahre früher, ebenfalls in Brasilien. Damals habe ich jedes Vertrauen in die brasilianischen Airlines verloren. Ich hatte nämlich, wie immer, meinen roten, geliebten Rollkoffer dabei, und ebendieser kam nach dem Flug in den Dschungel mit einer so tiefen Delle an, dass man darin eine Caipirinha-Bowle hätte mixen können. Mein Koffer – Hartschale, «ausgezeichnete Schlagfestigkeit», so der Hersteller – sah aus, als ob sich ein Elefant draufgesetzt hätte. Aber gut, ich kaufte mir einen neuen. Just vor meiner zweiten Brasilienreise. (Ja, doof.) Natürlich musste auch der neue Koffer rot sein – in einem Anflug brutaler Naivität war ich der Überzeugung, dass bestimmt niemand sonst ein so leuchtend rotes Gepäckstück kaufen würde.

Ankunft in São Paulo. Ich hatte den ganzen Flug Angst um meinen schönen neuen Koffer gehabt. Und tatsächlich: Einer von zwei Adressanhängern (Leder!) war abgerissen. «Typisch Brasilien!», rief ich empört, und betrauerte erneut den Tod meines alten Rollkoffers. In Salvador dann, unserer nächsten Etappe, fehlte auch noch der zweite Namensanhänger. Es erstaunte mich nicht einmal mehr – Brasilien halt. Auch dass der Koffer schon ziemlich verkratzt war, fand ich nur normal – für Brasilien. Er schien mir zwar überraschend leicht zu sein – aber hey, ich hatte ja nur Sommerkleider dabei.

Es hätte also genug Warnzeichen gegeben, aber es dämmerte mir erst im Hotel. Als sich das Schloss nicht öffnen liess. Wütend zeterte ich: «Haben die Idioten jetzt auch noch mein Schloss kaputt gemacht?!» Dann sah ich den Baggage Tag. Da stand nicht Stefanie Rigutto. Sondern: Anna Gerardi.

Dieser Beitrag erschien am 2.2.2014 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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