Bye-bye – Irrtum ausgeschlossen

Von Stefanie Rigutto, 2. März 2014

Nach über drei Jahren und fast 70 Kolumnen in der SonntagsZeitung ist dies meine letzte. Zum Abschluss möchte ich ein paar Irrtümer des Reisejournalismus widerlegen:

– Irrtum Nr. 1: Reisejournalisten machen Ferien und schreiben darüber. Fakt: Für kein Geld der Welt würde ich in meinen Ferien morgens um sieben Uhr aufstehen, von Interview zu Termin hetzen, mir die Füsse wund laufen, dauernd Notizen in mein Büchlein schreiben, abends das Gekrakel in den Computer tippen und auch noch den angestauten Haufen von Mails beantworten. Reisejournalismus ist harte Arbeit (aber – zugegeben – tolle Arbeit).

– Irrtum Nr. 2: Reisejournalisten fliegen Business. Fakt: Schön wärs! Diese Zeiten sind längst vorbei.

– Irrtum Nr. 3: Reisejournalisten schlafen in Luxushotels. Fakt: Ab und zu kommt dies wirklich vor. Nur fehlt dann meist die Zeit, das Spa auszutesten, weil – zurück zu Irrtum Nr. 1 – man die ganze Zeit für die Reportage herumrennt. Meistens schlafe ich in Dreisternunterkünften. Manchmal auch in Jugendherbergen. Manchmal in Lehmhütten. Manchmal auf einem Kutter. Manchmal im Zelt.

– Irrtum Nr. 4: Reisejournalisten sind permanent unterwegs. Fakt: Ich bin im Schnitt eine Woche pro Monat weg. Irgendwann muss eine Reportage auch geplant werden, man muss Interviews abmachen, Flüge buchen, Reisebücher lesen – die Vorbereitung dauert in der Regel doppelt so lange wie die Reise selber. Und dann muss man die Reportage ja auch noch zu Papier bringen.

– Irrtum Nr. 5: Reisejournalisten berichten nicht objektiv. Fakt: Viele unserer Recherchereisen sind bezahlt, zum Beispiel von einem Reiseveranstalter oder einem Fremdenverkehrsamt. Ohne sie gäbe es keine Reiseberichterstattung, weil sich dies die Zeitungen heute nicht mehr leisten können/wollen. Hat das je meine Objektivität beeinflusst? Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe noch immer geschrieben, was ich für richtig hielt, auch die unerfreulichen Dinge – und bekam damit nie Probleme.

– Irrtum Nr. 6: Reisejournalisten sind immer an den schönsten Orten der Welt unterwegs. Fakt: Zugegeben, ich war auch schon auf den Malediven für eine Reportage – das erste und letzte Mal vor sechs Jahren. Für eine gute Story sass ich dagegen auch schon 20 Stunden in einem Bus in Laos, war mit 100 Millionen Menschen an einem Pilgerfest in Indien, liess mich im Amazonas von Mücken zerstechen, holte mir in Mexiko eine Lebensmittelvergiftung und in China wegen des Smogs einen Husten. Übrigens, ich verbringe auch viel Zeit auf Flughäfen.

– Irrtum Nr. 7: Reisejournalisten machen sich schöne Tage mit ihrem Liebsten. Fakt: Ich reise entweder allein oder in Begleitung eines Fotografen. Eine Reportage mit dem Liebsten zu machen, wäre – erneut zurück zu Irrtum Nr. 1 – sehr unromantisch.

– Irrtum Nr. 8: Reisejournalismus ist ein Traumjob. Fakt: Reingefallen, das ist kein Irrtum! Eine Reisegeschichte zu recherchieren, ist sehr inspirierend. Aber ich komme immer müder nach Hause, als ich es vorher war. Reisejournalismus ist auf jeden Fall ein Traum, aber für mich ist es vor allem auch ein – Job.

Dieser Beitrag erschien am 2.3.2014 im Rahmen der Kolumne “Rigutto reist” in der SonntagsZeitung.

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