17. Nilgiri Queen macht Dampf

Von Brigitte Zaugg, 24. Februar 2015

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Das sieht man, wenn man sich im hintersten Abteil des Nilgiri Mountain Train aus dem Fenster lehnt: halsbrecherische Viadukte, russgeschwärzte Tunnels, unzählige Kehren, Dschungel und nochmals Dschungel, Schluchten, Wasserfälle und extrem stotzige Hänge, an denen da und dort kleine Dörfer kleben. Und ganz vorne, in Rauchschwaden gehüllt, die Dampflok Nilgiri Queen. Von Coonoor hinunter nach Mettupalayam sind in dreieinhalb Stunden gemütlicher Fahrzeit rund 1500 Höhenmeter zu überwinden, ein bahnromantisches Highlight der Extraklasse, das seit zehn Jahren den Status eines Unesco-Welterbes hat.

Der Zug ist bis auf den letzten Platz gefüllt. In unserem Abteil sitzen ausser uns und einem Honeymoon-Pärchen aus Delhi ausschliesslich Frauen, es ist ziemlich eng, so dass Körperkontakt auf den hölzernen Sitzbänklein unvermeidlich ist. Die einen fächeln sich Luft zu, weil es zu heiss ist, die anderen ziehen sich den Sarischleier übers Gesicht, weil es zu fest zieht, die Fenster werden mal hochgeschoben, mal runtergezogen – ein Gewusel, in dem einzig das Büebli vis-à-vis von mir auf dem Schoss seiner Mutter zutiefst selig vor sich hinschlummert.

Als Tochter eines heute 94-jährigen ehemaligen Bähnlers, der den Führerstand von Dampfloks noch von innen kennt, bin ich natürlich Feuer und Flamme für das rauchige Schienenabenteuer in den Nilgiri Hills. Und so mache ich mich am Bahnhof von Hillgrove – wo der Zug einen längeren Zwischenhalt macht, damit die Passagiere mal können, falls sie müssen – sogleich an den Stationsvorstand heran und erzähle ihm vom „Chileli von Wassen“. Davon hat der Mann zwar noch nie gehört, von der Schweizer Ingenieurskunst dagegen schon. „Switzerland very good“, sagt er und deutet auf die dampfende Lok: „Look, Swiss engine is there.“ Tatsächlich ist die über 60-jährige Nilgiri Queen, so finde ich später im Internet heraus, ein Fabrikat der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur. Die Zahnradbahn selbst wurde in den 1890er-Jahren vom Schweizer Eisenbahnpionier Niklaus Riggenbach gebaut, dem wir zum Beispiel die Vitznau-Rigi-Bahn verdanken.

Nach etwa einer halben Stunde zuckelt der Zug weiter. Aus dem Fenster schauen kann ich jetzt nur noch bedingt, denn das Büebli vis-à-vis ist inzwischen hellwach und hat mich zum Spielen ausersehen. Das Spiel heisst „Okebä“ (mit Betonung auf dem O) und geht so: Man brabbelt sich wechselweise etwas in die eigene Hand, und wenn eines von beiden „Okebä“ sagt, wird gelacht, und das Spiel kann von vorne beginnen. Wir sind schon fast unten im Flachland, als ich endlich kapiere: Auch dieser Knirps ist ein Digital Native, und er spielt mit mir „Fiktives Telefonieren mit dem Smartphone“. „Okebä“ muss englisch sein und „Okay, bye“ bedeuten. Das sagt in Indien jeder und jede am Ende eines Gesprächs, auch die Mutter des Kleinen, die in diesem Moment ihr Handy im Faltenwurf ihres Saris versorgt.

– Diverse Filme von Fahrten mit der Nilgiri Mountain Railway gibts auf Youtube zu sehen.

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Die Dampflokomotive Nilgiri Queen, made in Switzerland

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Vor der Abfahrt: Ganz hinten wird noch der Bremser zusteigen

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Am Stadtrand von Coonoor: Alle anhalten, hier kommt der Nachmittagszug!

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Was man unterwegs so sieht: Dörfchen und unendlich viel Grün

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Zwischenhalt in Hillgrove: Alle zücken Handys und Digicams

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Der Stationsvorstand von Hillgrove hat gerade zum ersten Mal vom „Chileli von Wassen“ gehört

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Die einen sind auf der Durchreise, die andern (die kleinen Haarigen) wohnen hier

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Das Depot in Mettupalayam, vor dem die Nilgiri Queen abends den letzten Dampf ablässt

 

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

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