18. Desperately Seeking Ashtray

Von Brigitte Zaugg, 26. Februar 2015

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Nach unendlich langen, meist selbstauferlegten Rauchpausen in der Wildnis, im Familienkreis oder in aschenbecherlosen Grossstädten erwartet uns das ehemals französische Unionsterritorium Puducherry (das bis 2006 noch Pondicherry hiess) mit einer kleinen Offenbarung: Auf den Tischen in der Gartenbar des Hotels The Promenade finden wir doch tatsächlich … Aschenbecher! Ein ganz und gar neuartiges Luxusgefühl, für eine Zigi nicht raus auf die Strasse zu müssen. Und eine seelische Erleichterung obendrauf, weil Rauchen in der Öffentlichkeit, also zum Beispiel auf Strassen, in ganz Indien theoretisch verboten ist. In diesem Zusammenhang kann ich auch gleich beichten, dass ein Teil des Litterings entlang unserer bisherigen Reiseroute von mir verursacht ist.

Am Vorabend, in der Industriestadt Trichy am Kaveri River, bin ich allerdings sauber geblieben. Dort gab es nämlich auch schon einen Aschenbecher (vielleicht der einzige in der ganzen Stadt), und der hing an einer Säule vor dem Eingang zum Hotel Sangam, wo wir übernachteten. Wir könnten in unserem Zimmer selbstverständlich rauchen, hatte man uns an der Reception gesagt – aber wie sollte das gehen, so ohne Aschenbecher und mit Fenstern, die sich nicht öffnen lassen? Also standen wir immer mal wieder draussen um diese Säule herum. Das ist allerdings viel weniger langweilig, als es tönt, kann man doch nirgendwo sonst so gut beobachten, wer da ein- und ausgeht, welche Fahrer die Limousinen und SUVs ihrer Herrschaften gleich beim Eingang parkieren dürfen und welche von den Wächtern in die hinteren Ränge verwiesen werden. Wir sahen ältere Ladys in schweren, bestickten Seidensaris aussteigen, oder auch gewichtige Herren im Nehru-Look mit Smartphones am Ohr, denen junge Personal Assistants die Aktentaschen nachtrugen, sowie vereinzelte westliche und chinesische Businessmen in dunklen Anzügen. Auch ein europäisches Paar in unserem Alter kam an, beide in Khakigrün, der Sprache nach Schotten oder Iren, vom Aussehen her entweder Hobby-Ornithologen oder Missionare. Deren Fahrer musste zum Beispiel ganz hinten parkieren. Wie unser Vijay übrigens auch. Woran man erkennen kann, dass die wirtschaftlichen Prioritäten in Trichy wohl kaum auf dem Tourismus liegen.

In Puducherry ist das etwas anders, da reisen ziemlich viele Westler hin. Ihr Ziel ist der Ashram von Sri Aurobindo und „Mother“ Mirra Alfassa im alten French Quarter im Zentrum der Stadt. Auch wir statten dem Stadtpalais, in dem der Yogi und seine spirituelle Partnerin einst wohnten, einen Besuch ab. Allerdings fühlen wir uns dabei nicht gerade wie die Vögel im Hanf: Diese heilige Ambiance, diese entrückten Meditierenden am über und über mit Blumen geschmückten Grabmal im Innenhof, dieses tiefe Schweigen … Lieber spazieren wir mit unserem Fahrer Vijay durch die Altstadt, wo die Strassen Namen wie Rue de la Marine, Dumas oder Mahe de Labourdonnais haben. Auf der Uferstrasse Goubert Avenue gilt von abends um sechs bis zum Morgen ein absolutes Park- und Fahrverbot, damit die Menschen nach Herzenslust flanieren, powerwalken oder auf der Quaimauer Zuckerwatte schlecken können.

– Übernachten in Trichy: Hotel Sangam, Collector’s Office Road; sangamhotels.com/trichy
– Übernachten in Puducherry: Hotel The Promenade, Goubert Avenue; www.thepromenadepondicherry.com
– Ashram: www.sriaurobindoashram.org

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Der muss sofort mit zwei Mojitos gefeiert werden: Aschenbecher in Pondicherry

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Vive la France: Verkehrspolizist mit Kepi. Im Hintergrund das Hotel The Promenade

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Vergängliches Mahnmal zur Erinnerung an den Tsunami von 2004, der auf der Strandpromenade von Puducherry 25 Menschen tötete. Der schützende Uferdamm hat Schlimmeres verhindert – weiter nördlich in der Tamil-Nadu-Hauptstadt Stadt Chennai forderte die Katastrophe über 200 Todesopfer, insgesamt waren es in Indien über 16‘000 Tote und Vermisste

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Die Grande Nation markiert an bester Lage: Das französische Konsulat an der Rue de la Marine

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Abends wird die Goubert Avenue zur Fussgängerzone – ein Weckruf für die Souvenirverkäufer

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

 

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