19. Steine zum Staunen

Von Brigitte Zaugg, 27. Februar 2015

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Wenn dieser Findling auf seiner abschüssigen Unterlage bloss nicht ins Rollen kommt! Wie riesig er ist, sieht man am winzigen Hund auf seiner linken Seite und am winzigen Mann, der sich rechts in seinem Schatten ausruht. Der Felsbrocken ist natürlich aus Granit, für die Menschen hier ist er aber „Krishnas Butterball“, zusammengepappt aus all der Butter, die der indische Liebesgott Lord Krishna als junger Lausebengel bei allen möglichen Hirtenmädchen zusammenklaute. Das müssen sehr viele Hirtenmädchen gewesen sein: Ein Versuch der Behörden des Bundesstaats Tamil Nadu, den Stein aus Sicherheitsgründen zu versetzen, ist gescheitert, der Butterball liess sich keinen Millimeter bewegen.

Neben diesem Naturmonument lockt das ca. 60 Kilometer südlich von Chennai gelegene Städtchen Mamallapuram (auch Mahabalipuram genannt) vor allem mit beeindruckenden Zeugnissen uralter Steinmetzkunst. So kann man zwischen den „Pancha Ratha“ herumkraxeln, fünf monolithischen Tempeln aus dem 7. Jahrhundert, die offenbar gar nie als solche genutzt wurden, sondern einzig und allein als architektonische Spielwiese für die Baumeister des damaligen Herrschers Narasimhavarman I. dienten. Man muss aber unbedingt auch den „Shore Temple“ bewundern. Er liegt direkt am Strand und hat den Tsunami von 2004 nur deshalb unbeschadet überstanden, weil ihn die 1984 ermordete indische Premierministerin Indira Gandhi einst mit Wellenbrechern im Meer vor der Erosion schützen liess.

Meine Favoriten unter Mamallapurams Sehenswürdigkeiten sind indes die Flachreliefs an dem Felsrücken, der auch Krishnas Butterball in der Schwebe hält. So exotisch die in Stein gehauenen Szenerien aus der Hindu-Götterwelt, so natur- und lebensnah sind die Tierdarstellungen auf diesen Kunstwerken. Zum Beispiel die Kuh auf dem Relief im Krischna-Höhlentempel: Wie sie liebevoll ihr Kälblein ableckt, während sie gemolken wird! Und wie ihr Melker so ernsthaft dreinschaut! Und wie die Kuh einen runden Rücken macht und den Schwanz hebt, weil sie gleich einen Fladen platzieren wird – das kommt mir aus meiner Hirtenmädchenkindheit im Wallis doch alles sehr bekannt vor.

– Übernachten: Radisson Blu Resort, 57 Covelong Road, Mamallapuram; www.radissonblu.com/hotel-mamallapuram

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Beseelte Steinhauerkunst: Kuh, Kalb und Melker im Krishna-Höhlentempel

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Insgesamt gut 10 Meter hoch und über 30 Meter breit: Das Felsenrelief „Herabkunft der Ganga“ aus dem 7. Jahrhundert. Es zeigt, wie einst alle möglichen Wesen herbeiströmten, um zu sehen, wie der Gott Shiva (hier in der Felsspalte dargestellt) den personifizierten Fluss Ganges bändigte, indem er ihn durch sein Haar fliessen liess

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TouristInnen-Magnet: Der „Shore Temple“ mit einem Shiva- und einem Vishnu-Schrein

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Tummelfeld für Stilversuche frühmittelalterlicher Architekten: Die monolithischen „Pancha Ratha“

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Zwei Tage zuvor in Chidambaram: Arno (mit Mr. Small, unserem dortigen Guide) war nicht vollkommen unglücklich, dass der Nataraja-Tempel (im Hintergrund sieht man den Eingang) dummerweise leider gerade nicht geöffnet war. Die Männer auf dem Bambus-Baugerüst treffen Vorbereitungen für ein Tempelfest

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Tempelfreie Zone: „Genug alte Steine besichtigt“, findet Arno (in der Bildmitte) und nimmt im Pool des Hotels Radisson Blu in Mamallapuram ein Abendschwümmchen. Mir ist das definitiv zu kalt. Um ehrlich zu sein: Wasser ist sowieso überhaupt nicht mein Element

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

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