20. Fahrer Vijay im Glück

Von Brigitte Zaugg, 28. Februar 2015

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Frühmorgens vor unserem Rückflug nach Goa geschehen in der Lobby des „Radisson Blu“ in Mamallapuram wundersame Dinge: Als wir planmässig kurz vor sieben zur Schlüsselabgabe an die Reception kommen, sehen wir da in einer kleinen Gruppe von Männern unseren Driver Vijay stehen, der doch bis anhin bei jedem Hotel draussen beim Wagen auf uns gewartet hat. Wir bleiben mitten in der Halle wie angewurzelt stehen, denn in diesem Augenblick wirft sich Vijay mit gefalteten Händen zu Boden und berührt mit seiner Stirn die Füsse eines grossgewachsenen, grauhaarigen, weiss gewandeten Mannes, der sich sogleich niederbeugt und für einen Moment seine Hand auf Vijays Wuschelkopf legt.

Das Ganze dauert nur Sekunden, in denen ich allerdings vor Neugier schier platze. Was ist da gerade passiert? Wer ist der Mann? Ein heiliger Sadhu? Ein berühmter Filmstar? Sein Chef? Und was macht er mit unserem Chauffeur?

„Chief Minister was“, flüstert uns Vijay strahlend zu, während der Mann mit seinen Begleitern in Richtung Frühstücksraum entschwindet, „Chief Minister of Puducherry. He given blessings to me.“ Schon tags zuvor hatte er uns von diesem Politiker vorgeschwärmt, der – anders als die meisten anderen Politgrössen – ein echter Mann des Volkes sei: „Not too many bodyguards around him. In Puducherry you can see him driving on bike, just like simple people.” Tatsächlich gilt Regierungschef Rangasamy als sehr volksnah. Der Rechtsanwalt, der einer niederen Kaste entstammt und der hier im „Radisson Blu“ wohl zu einem Businessbreakfast verabredet ist, wurde unter anderem deshalb so populär, weil er an den Schulen von Puducherry das kostenlose Zmorge für die Kinder einführte.

Der Segen des Chief Ministers hat für Vijay auch eine überaus praktische Folge: Er hat jetzt die Telefonnummer von Rangasamys Privatchauffeur in seinem Handy gespeichert. Das kann vielleicht mal helfen, denke ich schweizerisch pragmatisch, denn auch auf der nächsten Tour durch Südindien wird er hin und wieder einem Polizisten eine kleine Note rüberschieben müssen, und sei es auch nur, um zügiger durch eine Strassensperre zu kommen oder das Auto da und dort solange stehen lassen zu können, bis seine „Customers“ ihr Teelein ausgetrunken und die Zigarette fertiggeraucht haben. Ach, wie werden wir sie vermissen, diese Teepausen in the middle of nowhere … und ihn erst, unseren Vijay!

Beim Abschied am Flughafen von Chennai frage ich ihn, ob ich ihn umarmen dürfe. Ich darf.
PS: Man bekommt mit der Zeit ein Auge für diese alltäglichen Schmiergeldzahlungen, bei denen es meist um Beträge von plusminus einem Franken geht. Um zu verhindern, dass Vijays tägliche Spesenpauschale von 250 Rupien (etwa 4 Fr.) womöglich unseretwegen als Schmiergeld draufgeht, erhöhen wir sein Trinkgeld von Beginn weg auf 500 Rupien pro Tag (in den Reiseunterlagen empfohlen: 200 bis 300 Rupien)

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Da wünscht uns einer einen guten Rückflug nach Goa: Garuda-Figur auf einer Mauer in Mamallapuram. Das schlangentötende Reittier des Gottes Vishnu – halb Menschengestalt, halb Adler – soll einst aus einem Ei geschlüpft sein, das der Himmel gelegt hatte

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

 

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