24. Postscriptum electronicum

Von Brigitte Zaugg, 5. März 2015
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Wie Enkelin und Grossmutter: Sonu (oder ists Monu?) und ich, beide mit Statement-Bracelets aus Holz im trendigen Blockfarben-Streifenlook, die wir uns als Andenken an einen netten Abend im „Café del mar“ im mobilen Souvenirlädeli von Meena gekauft haben

Durch die zähe Hochnebeldecke über Zürich fallen drei herzerwärmende Sonnenstrahlen in Form von E-Mails mit angehängten Bilddateien in meinen erfolgreich zurückeroberten Alltag: Eines ist von Monu und Sonu (oder heissen sie Sonu und Monu?) aus dem nordindischen Jaipur, eines von Ravi Kumar aus den Nilgiri Hills und eines von Xavier Silveira aus Stuttgart.

– Monu und Sonu, beide um die zwanzig, lernten wir eines Abends kurz vor Weihnachten im „Café del mar“ kennen. Die beiden waren auf ihrer Hochzeitsreise, und Monu (oder heisst er Sonu, und sie ist Monu?) machte sich einen Spass daraus, seiner frisch Angetrauten die vermutlich ersten und letzten alkoholischen Drinks ihres Lebens zu offerieren. Es wurde ein überaus heiterer Abend, an dem wir von dem Pärchen kurzerhand adoptiert wurden. Im Mail zum Bild schreiben die beiden: „Our loving father and mommy, we both miss u too much and pray to God for your good health. we wish next year u come Jaipur. take care. love u.“ Es gibt da einen Plan für die Zeit nach meiner Pensionierung. Und zwar wollen wir dann einmal Ganesh und Renuka in Nepal besuchen, die sich in zwei, drei Jahren aus dem Arbeitsleben zurückziehen wollen – in ihr neu gebautes Häuschen in Pokhara mit atemberaubendem Blick auf die weissen Riesen des Himalaya. Da liegt ja dann Jaipur, sagen wir mal von Mumbai aus, quasi auf dem Weg.
Ravi Kumar schickt uns Erinnerungsbilder via Dropbox: Auf einem davon sieht man seinen Sohn Rajat und sein herziges Enkelkind Aarav, das im Garten des Aakriti Eco Homestay auf der indischen Variante einer Hollywoodschaukel sitzt. Auf einem anderen geniessen Arno und ich das Thali-Dinner in der guten Stube der Kumars, und ich frage mich, ob wir jetzt wohl auf immer und ewig in einer fernen Wolke über dem World Wide Web herumhängen? Wo der liebe Gott der Digital Natives alles sehen kann? Oder sind die Fotos gar nicht mehr dort, wenn ich sie zu mir herunterlade? Im Mail mit dem Dropbox-Hinweis gibt sich Ravi optimistisch: „No doubt we shall meet again very soon. At our home, in Goa or maybe back in your lovely Zurich. Till then stay happy, healthy and safe.”
– Und ja – einmal „Prinz“, immer „Prinz“: Unser alter Freund Xavier schickt uns nicht etwa Bilder von der Hochzeit seines Bruders oder von sich selbst oder von seiner Familie, sondern drei Nahaufnahmen von einem papierenen Siegelring, der einmal an seinem rechten Zeigfinger, einmal an seinem linken kleinen Finger und einmal auf einem Stuttgarter Balkon im Schnee steckt. Dazu schreibt er genau zwei Sätze: „Hello Arno, here are some photos of 1 dollar ring you gave me long back and I still have. Maybe in the future I will need it but till now it is there with me. Love, Xavier.”

Da fällt mir gerade auf, dass Xaviers Mail nur an Arno gerichtet ist – obwohl doch ich es war, die vor über zwei Jahrzehnten aus einer Dollarnote diesen Ring faltete und ihn Xavier im „Dolphin“-Shack zum Abschied schenkte. Aber in Indien flogen halt schon immer alle auf Arno, in jungen Jahren noch viel mehr als heute – weil er die Menschen dort an einen ihrer berühmtesten Landsmänner erinnert, an den hoch verehrten Schauspieler Kabir Bedi, den EuropäerInnen meiner Generation noch bestens als verwegenen Freiheitskämpfer in der italienischen TV-Serie „Sandokan – Der Tiger von Malaysia“ (1976) kennen.

Aber darüber kann ich hier nicht auch noch blöglen, denn meinen Februar-Gastauftritt auf „Rollkoffer, Reisepass & Rigutto“ habe ich längst überzogen. Deshalb mache ich es jetzt kurz und sage den Online-Redaktorinnen von annabelle ein herzliches „Shukriya“ für ihre viele Arbeit mit einer digitalen Analphabetin. In diesem Sinne und auf gut Indisch-Englisch: Okebä!

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Ravi Kumars Sohn Rajat mit Söhnchen Aarav auf der Bollywoodschaukel

 

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1993 war sein kleiner Finger noch dünner – und der Dollar mehr wert als heute. Dass Xavier mein Trinkgeld bis jetzt aufbewahrt hat, rührt mich zutiefst

 

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Mein Kabir Bedi: Arno (hier beim Spazieren in Puducherry). Die einzige Rolle, die er je vor Publikum spielte: Als junger Statist im Stadttheater St. Gallen sollte er einst auf einem Steckenpferd in einer geordneten Reitertruppe über die Bühne traben. Da packte ihn in der Premiere urplötzlich die Lust, sein Kartonrössli durchbrennen zu lassen – das muss der „Tiger von Malaysia“ in ihm gewesen sein

INGREBIDEL !NDIA: Als Gastbloggerin des Monats Februar schreibt annabelle-Produzentin Brigitte Zaugg über ihre jüngste Südindien-Reise mit Strandferien in Goa und einer Rundreise durch Karnataka, Tamil Nadu und Pondicherry. Ihr Profil bei Tripadvisor: „Reisende/r über 60“, „Ökotourist“, „Fan von Ruhe und Entspannung“. Mit dabei: Arno (68), die ultimative Inkarnation des Tripadvisor-Kriteriums „Fan von Ruhe und Entspannung“ und ein Meister der universellen Zeichensprache („Wieso reden, wenn mit ein paar angedeuteten Handzeichen alles gesagt werden kann?“)

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